Ohne Angst und ohne Sorge!
Immer wenn ich neuen Polen vorgestellt werde, warte ich auf SIE, die Frage, die spätestens nachdem Name, Herkunft, Sinn und Zweck meines Aufenthaltes geklärt sind, aufkommt. Während sie mich anfangs in tiefe Verzweiflungszustände werfen konnte, erwarte ich sie mittlerweile schon voller Vorfreude, meine provozierende Gegenfrage schlagfertig in der Hinterhand. Meistens nimmt mein Gegenüber mich dann ein Stückchen zu Seite, senkt die Stimme und guckt mich stark prüfend an: “WARUM AUSGERECHNET LODZ?” - Ich hatte bereits Wochen vor meiner Abfahrt nach Lodz noch in München sämtliche Eckdaten der polnischen Geschichte auswendig gelernt, mich auf mögliche Nachfragen zum Zweiten Weltkrieg genauestens vorbereitet, meine Mitbewohner wochenlang mit spontanen Gesangseinlagen der polnischen Nationalhymne genervt, kenne fast alle großen Dichter zumindest vom Namen her, habe die wichtigsten Filme von Wajda, Kieslowski und Co. gesehen und wusste, dass man die Einladung auf einen polnischen Wódka nicht ablehnen sollte. Aber eine Antwort auf die Frage, warum ich ausgerechnet nach Lodz gekommen bin, habe ich erst wirklich hier in Lodz bekommen. Eine Antwort hat mir die Stadt erst selber gegeben und deshalb gebe ich heute dem Fragensteller zurück: ”WARUM NICHT LODZ?”
Wohnen sie schon zu lange hier, um die Einzigartigkeit ihrer Heimatstadt zu erkennen? Oder ist das vielmehr die so häufig gepriesene polnische Bescheidenheit und insgeheim wissen sie alle, in was für einer faszinierenden und inspirierenden Stadt sie leben?
Ich bin mir sicher, sie wissen es. Sie wissen, um die schönen backsteinernen Fabrikgebäude, um die alten Jugendstilfassaden auf der Piotrkowska, um das vielfältige Nachtleben, um das große Kulturangebot, um die absurden Großbaustellen, um den nicht nur größten, sondern wahrscheinlich auch schönsten Jüdischen Friedhof Europas, um das authentische alte Arbeiterviertel Baluty, um den Aufbruch ihrer Stadt, in der man morgens nicht weiß, welche Kulisse man beim Blick aus dem Busfenster vorfinden wird, welches Haus noch steht, welche Straße befahrbar, welcher Club der neueste ist. Wer mir das nicht glaubt, dem öffne ich gerne die Auge, denn man kann gar nicht anders als die Stadt für ihre Ehrlichkeit und Uneitelkeit lieben. Natürlich ist Lodz keine schöne Vorzeigestadt wie meinetwegen Krakau oder Wrolaw und Gdansk. Was es aus macht, ist, dass Lodz es auch gar nicht versucht zu sein. So viel Authentizität im Stadtbild muss doch auf seine Einwohner abfärben! Wer tatsächlich hieb- und stichfeste Argumente auf meine Gegenfrage vorweisen kann, möge mich aufsuchen und eines Besseren belehren. Zu finden bin ich zumeist in einem der vielen schönen Cafés entlang der Piotrkowska (Foto-Café, Café Verte oder Mala Litera), wo ich meiner Koffeinsucht fröne und mich der Literatur hingebe.
Der großen und aktiven GFPS-Stadtgruppe Lodz ist es zu verdanken, dass mein Aufenthalt bisher so reibungslos verlaufen ist, ich alle Anfangshürden spielend überwinden konnte und in einem Klima des immer wieder gern betonten “Ohne Angst und ohne Sorge” meine Zeit in Lodz so ausgiebig genießen kann.
Ich schließe mich also David Lynch an und sage es frei heraus:
“Kocham Lodz!”